Jon Knolle - ein Jahr Teil der Rad-Nationalmannschaft

Frank Schemmer im Gespräch mit Jon Knolle

 

Frank Schemmer:

Jon, am letzten Wochenende warst du bei der internationalen Niedersachsen-Rundfahrt. Wie ist es gelaufen?

Jon Knolle:

Eigentlich ganz gut. Ich wollte mich mit guten Leistungen beim Bundestrainer noch einmal für die Junioren-WM empfehlen. Daher habe ich immer wieder versucht in Spitzengruppen dabei zu sein. Das habe ich auch geschafft, letztlich haben wir das dann aber nie bis ins Ziel gebracht. Die Norweger haben von der ersten Etappe an alles erst dominiert und dann kontrolliert. Die waren schon bärenstark.

 

Frank Schemmer:

Das klingt etwas enttäuscht?

Jon Knolle:

Ja, ich wollte im Zeitfahren unter die ersten 10 fahren. Das hat mit Platz 15 und 32 Sekunden Rückstand nur bedingt funktioniert. Das bedeutete dann, dass ich nach der zweiten Etappe bereits 1:05 Minuten Rückstand auf den führenden Norweger Leknessund hatte. (Anmerkung: Leknessund wurde gestern überlegen Europameister im Zeitfahren)

Auf der vierten und letzten Etappe waren wir in der letzten Runde zu acht aus dem Feld herausgefahren und hatten einen kleinen Vorsprung. Es lief gut, aber die Norweger haben, warum auch immer, stets gebremst und so kam das Feld einen Kilometer vor dem Ziel wieder heran.

Ich dachte es klappt, denn alle Führenden, also auch der neue Europameister und mit Niklas Märkl der amtierende Vizeweiltmeister, waren in der Gruppe.

 

Frank Schemmer:

Vor einem Jahr, eben bei der Niedersachsen-Rundfahrt, bist du das erste Mal im Nationaltrikot gestartet. Wie waren die letzten zwölf Monate?

Jon Knolle:

Irgendwie war es schon anders. Mit Platz 4 bei den Dt. Bergmeisterschaften und Platz 6 im Einzelzeitfahren DM, war ich gut, dass dann der Bundestrainer anrief war schon besonders. Mir wurde bei meinem ersten Einsatz im Nationaltrikot auch schnell klar, dass es dort eine ganz andere Erwartungshaltung gibt. Mit Platz 3 in der Nachwuchswertung konnte ich da schon sehr zufrieden sein.

Danach haben wir in der Bundesliga noch das Mannschaftszeitfahren gewonnen. Auch die folgenden Bundesligarennen liefen gut für mich. Im Oktober bekam ich dann die endgültige Mitteilung, dass ich in diesem Jahr auch offiziell zum Nationalkader gehöre.

 

Frank Schemmer:

Hat sich dadurch etwas verändert?

Jon Knolle:

Ja, auf jeden Fall. Ich musste im Winter zwei Mal zu Leistungsdiagnostiken nach Freiburg. Mit den Ergebnissen war ich sehr zufrieden. Es wurde mir aber auch klar, dass die Erwartungshaltung an mich deutlich größer wurde. Im März ging es dann zum ersten Mal mit allen Nationalfahrern ins Trainingslager nach Mallorca. Das war schon ganz anders als vorher. Der Tag war vollgepackt und es gabe wenig freie Zeit.

Wir saßen täglich 5-7 Stunden auf dem Rad, dazu Teammaßnahmen, Ernährungs- und Anti-Doping Vorträge, Stabilisationstraining und Schul-Unterricht.

 

Frank Schemmer:

Unterricht im Trainingslager?

Jon Knolle:

Ja, der BDR nimmt eigene Lehrer mit, damit wir in der Schule nicht abrutschen. Das wird mit den Schulen vorbereitet und abgestimmt.

 

Frank Schemmer:

Und danach?

Jon Knolle:

Gegen Ende des Trainingslagers bekam ich dann Bescheid, dass ich die wichtigste Rennserie, den Nationen Cup, fahren werde. Das bedeutete Vertrauen und Hoffnung in mich. In erster Linie sollte ich mannschaftsdienlich für Vize-Weltmeister Niklas Märkl im Sprint, aber auch für die Ambitionen in Gesamtwertung und am Berg für die Cottbuser Juri Hollmann und Leon Heinschke arbeiten.

 

Frank Schemmer:

Du bist dann die Frühjahrsklassiker gefahren?

Jon Knolle:

Ende März ging es los mit Gent-Wevelgem. Alle führenden Nationen waren am Start. Haupthindernisse waren der zweimal zu befahrende Kemmelberg und weitere Hellingen in Flandern, Belgien. Nach 10 Kilometern setzte ich mich mit 6 Begleitern ab und fuhr über 70 Kilometer und bis 20 Kilometer vor Ziel in der Spitzengruppe. Am zweiten Anstieg zum Kemmelberg hatte ich dann einen Platten. Damit waren alle Chancen dahin.

Eine Woche später fuhr ich dann den GP Bob Jungles in Luxemburg, wo wir die Gruppe verpassten. Ich habe Niklas Märkl den Sprint angefahren, der dann den Spurt des Feldes gewann und achter wurde.

 

Frank Schemmer:

Und dann die Hölle des Nordens?

Jon Knolle:

 

Ja, Paris-Roubaix mit seinen 16 gefürchteten Kopfstein-pflasterpassagen warteten auf uns. Es war eine Wahnsinnsstimmung und eine riesige Radsportbegeisterung. Überall an der Strecke feuerten Franzosen, Belgier, Deutsche, Amerikaner und viele weitere zusammen die Fahrer an. Bei diesem Rennen zu starten war für mich schon die Erfüllung von einem der größten Träume und ein riesen Erfolg.

 

Ich hatte mich mit doppeltem Lenkerband, getapten Fingern und speziellem Training auf Paves in Fröndenberg, die mir Reinhold Böhm empfahl, vorbereitet. Gut platziert fuhr ich nach 25 Kilometern in das erste von 16 Kopfsteinpflasterabschnitten hinein. Relativ schnell hatte ich die erste Speiche raus, trotz speziell stabiler Laufräder. Es kamen noch 3 Platten hinzu, ein krummer Sattel und nachlassende Motivation. Schon nach dem zweiten Pave fuhr ich nur noch in der Wagenkolonne hinter dem Feld. Staub im Mund von den Straßen Nordfrankreichs und eine Sichtweite von 10 Metern ließen mich erkennen, warum das Rennen die Hölle des Nordens genannt wird. Die Schmerzen in den Beinen sind sekundär. Alles tut weh. Finger, alle Gelenke und alle Knochen. Alles andere ist in diesem Moment eine Erlösung. Nach 70 Kilometern und 9 Paves stieg ich aus, da der Besenwagen kam, wo schon ca. 40 Fahrer drin saßen. Es kam deutlich weniger als die Hälfte im Velodrom in Roubaix an.

 

Frank Schemmer:

Es macht riesig Spaß dir dabei zuzuhören.

Jon Knolle:

Danke (lächelt)

 

Frank Schemmer:

Wie ging es weiter?

Jon Knolle:

Ich fuhr dann die erste Rundfahrt im Trikot des BDR, den dritten Nationencup. Die härteste Juniorenrundfahrt, vom Profil und der Besetzung - die kleine Friedensfahrt in Tschechien an der deutschen Grenze – Course de la Paix.

Im Finale der ersten Etappe ging ich zu viel Risiko und stürtzte an der 5 Kilometermarke, als ich den Sprint für Niklas Märkl vorbereitete an der Spitze des Feldes in der technisch sehr anspruchsvollen Abfahrt. Die restlichen vier Etappen fuhr ich mit Schmerzen, sprang in die Spitzengruppen, die sich jedoch nie lange hielten. Am letzten Tag gewann Niklas Märkl und somit das ganze Team, das hart im Rennen dafür gearbeitet hatte. Es fühlte sich an wie ein eigener Sieg. Es gab keine großen Unterschiede zu Rennen der Profis, abgesehen von der Distanz.

 

Zwei Wochen später ging es dann in den Westen Frankreichs, ins Departement Morbihan zur Trophee Centre Morbihan. Wieder stark besetzt und schnell. Da ich meinen Rahmen neu hatte und dementsprechend alles neu eingestellt hatte, rutschte auf der ersten Etappe mein Sattel komplett runter. Oft stellte ich ihn nach und fuhr wieder zum Feld. Letztendlich erreichte ich das Ziel mit 10 Minuten auf den Sieger völlig entkräftet und verärgert über meine Unerfahrenheit und Unachtsamkeit. Die folgenden Etappen liefen besser und am letzten Tag sprintete ich in die Top 20, trotz Mannschaftsarbeit für Niklas Märkl, der auf einen starken 2.Platz sprintete. Dennoch war dies für mich ein Tiefpunkt, die Form schien nicht zu passen.

 

Frank Schemmer:

Dann eine Pause eingelegt?

Jon Knolle:

Ja. Ich musste versuchen den Kopf frei zu bekommen, um anschließend noch stärker wiederzukommen. Die folgenden Bundesligarennen liefen dann gut und letztendlich die Deutsche Meisterschaft in Linden, Rheinland Pfalz sehr gut. Durch meine starken Leistungen im Zeitfahren (8.Platz) und im Straßenrennen, wo ich mich allein auf die Verfolgung der Spitze machte (7.Platz), bekam ich dann in Luxemburg den nächsten Einsatz beim GP General Patton.

 

Durch den krankheitsbedingten Ausfall unseres Kapitäns Niklas Märkl gab es mehr Freiheiten für den Rest des Teams. Am ersten Tag konnte ich gleich nach dem Start in die Spitzengruppe springen. Auf dem sehr welligen Terrain wurden wir dann jedoch, aufgrund einer Fehlleitung des Führungsfahrzeugs nach 60 Kilometern an der dritten Bergwertung wieder eingeholt. Der zweite Tag war dann sehr hart, wie jedoch eigentlich jeder Nationen Cup. An der letzten Rampe stützte vor mir ein Fahrer und ich verlor noch 1 Minute bis ins Ziel, wodurch ich meinen Platz in den Top 15 der Gesamtwertung verlor. Dennoch war der Bundestrainer zufrieden und ich spürrte, dass meine Form endlich da war.

In der Folge trainierte ich viel, aufgrund fehlender Rennen und fuhr 3 Wochen später die Niedersachsen Rundfahrt für den LV Baden. Innerhalb eines Jahres bekam ich so auf 7 Einsätze für den BDR.


 

Frank Schemmer:

Bist du zufrieden mit dir?

Jon Knolle:

Grundsätzlich bin ich zufrieden, da meine Entwicklungskurve kontinuierlich nach oben zeigt. Ich sehe noch an vielen Stellen Verbesserungspotenzial. Einerseits in der Technik, das Rennen zu lesen oder auch schon ruhig auf dem Rad zu sitzen, andererseits auch in Trainingssteuerung (Umfänge, ect.) oder Ernährung. Ich bin zuversichtlich für das nächste Jahr.

 

Frank Schemmer:

Welche Vorbilder hast du?

Jon Knolle:

Nils Pollit, der ist ein ähnlicher Fahrertyp und sehr kämpferisch. Mein größtes Vorbild ist aber Andy Schleck. Als er 2011 als Solist bei der Tour de France am Galibier gewonnen hat, wollte ich auch Radrennen fahren. Seitdem sitze ich im Sattel.

 

Frank Schemmer:

Leidet bei all den Rennen im In- und Ausland nicht die Schule?

Jon Knolle:

Bisher nicht, und so soll es auch bleiben. Ich möchte im kommenden Jahr ein gutes Abitur am PGU hinbekommen. Das ist meine wesentliche Grundlage für die Zukunft, daran arbeite ich. Das Verständnis der Schule ist prima, ich erfahre dort viel Unterstützung.

 

Frank Schemmer:

Einen Blick in die sportliche Zukunft. Wie geht es da weiter?

Jon Knolle:

Es stehen in diesem Jahr noch einige Bundesliga-Rennen an. Dazu hoffe ich ganz stark, dass ich zur Weltmeisterschaft mitfahren darf. Das wäre die Krönung. Ansonsten werde ich aller voraussicht nach im kommenden Jahr für ein Profiteam an den Start gehen.

 

Frank Schemmer:

Geht all das ohne Unterstützung?

Jon Knolle:

Nein. Mein Vater unterstützt mich in allen Belangen, das ist einfach klasse. Er ist bei möglichst vielen Rennen dabei, fährt mich und hat schon immer dafür gesorgt, dass ich auch gut ausgestattet war. Dazu bin ich im RSV Unna sehr gut aufgehoben. Ich kann hier mit vielen tollen Fahrern trainieren und finde auch sonst viel Unterstützung. Lange Zeit war dies vor allen Dingen Reinhold Böhm. Ihm habe ich auch viel zu verdanken.

 

Frank Schemmer:

Noch eine persönliche Frage. Was sagt die Freundin?

Jon Knolle:

Na ja, ich bin tatsächlich viel unterwegs. Es sind bis Ende des Jahres sicher 18000 Rad-Kilometer, davon über 2000 bei Rennen, die ich fahre. Da treffen schon einmal unterschiedliche Wünsche aufeinander. Vor allem hat sie aber Angst. Stürze in Rennen oder gar Todesfälle im Training, wie vor wenigen Wochen in Köln, bereiten ihr da schon Sorge. Wir reden viel darüber und versuchen immer genügend Zeit für uns zu finden. Heute geht es erst einmal gemeinsam für eine Woche in den Urlaub.

 

Frank Schemmer:

Dann wünsche ich euch einen schönen Urlaub und alles Gute für die restliche Saison.

Jon Knolle:

Danke

 

Wir vom Zippelmütz-Magazin sagen ebenfalls danke für dieses tolle Gespräch. Danke an Frank Schemmer, und danke an Jon Knolle - alles Gute für die nächsten Ziele.