Gedenken an November-Pogrom 1938 in Werne

Werne – In der Nacht vom 09. auf den 10. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen. Die Reichskristallnacht überflutete auch unser Werne an der Lippe.

 

Um dieser Katastrophe zu gedenken, folgten diverse Vertreter der Parteien und Initiativen am Donnerstag der Einladung des Bürgermeisters Lothar Christ in die Marktpassage.

Es ist der Platz der alten Synagoge, die in dieser Novembernacht dem Pogrom zum Opfer fiel.

 

So groß die Entrüstung des Bürgermeisters in seiner Rede auch war … so sehr man aktuell den Rechtsextremismus bekämpft – war es doch erschreckend, wie wenig Werner Bürger sich beteiligt haben!

 

Wir vom Zippelmütz-Magazin sagen: Wenn es nur ein lästiger Pflichttermin ist, und man sich sonst dafür nicht interessiert, sollte man in den sozialen Medien auch keinen Kampf gegen Rechts heucheln! Dann kann man es es echt gleich lassen!

 

 

Im Anschluss gab es noch eine Lesung von Beate Niemann, die aus ihrem Buch las. Sie stand auch später noch für Fragen zur Verfügung. Aber schon bei der Lesung fiel es auf, dass andere Themen scheinbar wichtiger waren ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nun gut – für alle, die es dann doch interessiert, haben wir hier noch einmal die komplette Rede des Bürgermeisters.

Rede am 9. November 2018 zum Gedenken an die Pogromnacht 1938

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

 

zu unserer heutigen Veranstaltung, mit der wir am Standort der ehemaligen jüdischen Synagoge der Ereignisse am 9. November 1938 gedenken wollen, darf ich Sie herzlich willkommen heißen.

 

Mein besonderer Gruß gilt Frau Beate Niemann, die zu uns nach Werne angereist ist. Sie hat sich heute Vormittag mit Schülerinnen und Schülern der Marga-Spiegel-Sekundarschule unterhalten und wird im Anschluss an meine Ansprache aus ihrem Buch vortragen, welches den Titel trägt: „Mein guter Vater - Mein Leben mit seiner Vergangenheit - Eine Täterbiographie“.

 

Meine Damen und Herren,

auch in diesem Jahr sind wir zusammen gekommen, um der Geschehnisse der November-Pogrome im Jahr 1938 zu gedenken.

Damals, in der Nacht vom 9. auf den 10. November und in den Tagen danach, wurden hunderte Juden ermordet oder in den Selbstmord getrieben. Etwa 1.400 Synagogen sowie weitere jüdische Gebetsräume und Versammlungsstätten wurden Opfer von mutwillig gelegten Bränden. Tausende von Geschäften und Wohnungen wurden zerstört, zahlreiche Friedhöfe geschändet. Etwa 30.000 Juden verschleppten die Nazi-Schergen in Konzentrationslager, wo viele von ihnen ums Leben kamen.

 

All das liegt nun genau 80 Jahre zurück und nicht nur in diesen Tagen, sondern bereits seit längerer Zeit werden immer wieder Stimmen laut, die fragen:

Kann man nicht endlich die Vergangenheit ruhen lassen und einen Schlusspunkt hinter das damals Geschehene setzen ?

 

Ist es so viele Jahrzehnte nach dem Ende des Nationalsozialismus und des von ihm verursachten Grauens denn überhaupt noch notwendig, dass wir uns immer wieder mit diesem Teil unserer Geschichte auseinandersetzen ?

 

Müssen denn wir Deutsche immer wieder schuldbewusst an die damaligen Gräueltaten erinnern, wo es doch auch in anderen Ländern, etwa in der Sowjetunion unter Stalin oder in China unter Mao, tausendfache Ermordungen gab ?

 

Der thüringische AfD-Vorsitzende, soeben zum Spitzenkandidaten für die nächste Landtagswahl ernannt, forderte sogar im vergangenen Jahr eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ und er verkündete, die – so wörtlich - „dämliche Bewältigungspolitik“ lähme die Gesellschaft.

 

Ich halte, liebe Anwesende, solche Äußerungen für unerträglich und stelle die Gegenfrage:

Kann es ein Genug der Erinnerung, ein Genug des Gedenkens geben ?“

Meine Antwort lautet „nein“ und ich darf zur Begründung auf die Worte unseres ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog verweisen, der sich ausführlich mit „der Zukunft der Erinnerung“ befasst hat.

Er verwies darauf, dass es für fast alle in unserem Land lebenden Deutschen keine Erinnerung an Erlebtes, sondern allenfalls Erinnerung an Erzähltes gebe. Für diese Menschen gelte, dass sie keine Schuld an Selektion, Vertreibung und Völkermord tragen, dass aber aus der Kenntnis unserer Geschichte und dem Erinnern an die Taten der Nazis die Verantwortung erwächst, „dass da, wo wir auch nur ein wenig mitzureden haben, kein Platz für diese Art von Verbrechen mehr sein darf“, so die Worte von Roman Herzog.

 

Ohne Erinnerung kann es keine Zukunft geben. Erinnerungen können helfen, Fehlentwicklungen wie in der Vergangenheit frühzeitig zu erkennen und unsere Zukunft anders zu gestalten.

 

In diesem Sinn haben wir in den vergangenen Jahren an dieser Stelle immer wieder an die Geschehnisse des November 1938 und an die nachfolgenden schrecklichen Ereignisse erinnert. Dabei wurden in den jeweiligen Ansprachen des Bürgermeisters oder in Wortbeiträgen von Schülerinnen und Schülern immer wieder neue Aspekte und Facetten der Naziunrechtsherrschaft thematisiert.

 

Neue Forschungen und Quellenfunde, auch solche, die lokalen Ereignisse betreffen, brachten Unbekanntes zum Vorschein. Fragen nach der Kenntnis der Deutschen von Judenverfolgungen, nach ihrer Mittäterschaft oder nach ihrem „Wegschauen“ mussten zum Teil neu beantwortet werden.

 

Ein wichtiger, an dieser Stelle bisher kaum behandelter Aspekt, gilt den Fragen:

Wie sind die Täter mit ihrer Schuld und dem Wissen um die Deportationen und die Ermordungen umgegangen ? Wie ist ihr nahes Umfeld, wie sind ihre Angehörigen damit umgegangen ?“

 

Nun, was die Täter betrifft, so haben die bekanntesten, vor allem die in den Nürnberger Prozessen angeklagten Personen, nahezu ausnahmslos jegliche Schuld verneint. Und selbst Albert Speer, der sich einsichtig und reuig zeigte, wusste -wie neueste Forschungen ergaben- viel mehr, als er zugab.

 

Auch in den oft lange Zeit nach Kriegsende bis in die jüngste Vergangenheit abgewickelten Strafverfahren haben die meisten der Angeklagten jegliche Schuld geleugnet.

Und dies war auf lokaler Ebene so etwa in Bezug auf die Verbrechen der Pogromnacht in Werne nicht anders, wie wir der heutigen Lokalberichterstattung entnehmen können.

 

Und in den Familien ?

Betrachtet man zunächst die Angehörigen der bekanntesten Täter, so waren und sind die Reaktionen durchaus unterschiedlich.

Während etwa die Tochter Martin Bormanns wohlwollendes Verständnis für ihren „guten Vater“ zeigte und viele Nachkommen eine Schuld ihrer Eltern bzw. Väter leugneten, zeigten andere unverhohlen ihre Abscheu, ja ihren Hass.

So wie Niklas Frank, dessen Vater Hans Frank als Generalgouverneur von Polen die Massenvernichtung von Juden und Polen zugelassen hatte. Niklas Frank rechnete in Büchern und Vorträgen wie kein anderer Abkömmling von Nazi-Größen schonungslos mit seinen Eltern ab, die nach seiner Verlautbarung zu den „schmutzigsten Familien des Dritten Reiches“ zählten.

 

Bettina Göring, eine in die USA ausgewanderte Großnichte des Luftwaffenchefs Hermann Göring, sagte, sie und ihr Bruder hätten sich „mehr oder weniger bewusst“ sterilisieren lassen, um „keine weiteren Görings mehr zu produzieren“.

 

Und Monika Göth, Tochter eines KZ-Kommandanten, wusste zu berichten, dass ihre Mutter sie „wie eine Wahnsinnige“ geschlagen habe, wenn sie genauer wissen wollte, wie viele Juden ihr Vater denn nun getötet habe.

Die Äußerungen von Kindern und Enkeln der damaligen NS-Größen ließen sich noch um viele Beispiele fortführen.

Wie aber ging man abseits dieser bekannten Namen mit dem Geschehenen um ?

In den unzähligen Familien von Personen, deren Tun und Verantwortung nicht bekannt oder allenfalls zu ahnen war .

Oft war es, wie viele Nachkömmlinge berichtet haben, strengstens untersagt, über die Zeit des Nationalsozialismus zu sprechen.

 

Häufig wurde von den Kindern und Enkeln aber auch nicht gefragt, was ihre Eltern oder Großeltern erlebt oder gar verantwortet hatten. Mal wollte man Rücksicht nehmen auf diejenigen, die ja soviel Schlimmes im Krieg oder auch in Gefangenschaft erlebt hatten. Mal hatte man Angst davor, Verstrickungen in Unrechtstaten aufzudecken.

 

Viele Kinder und Enkel waren und sind aber auch fest davon überzeugt, dass ihre Eltern nichts Unrechtes getan haben.

 

So erging es beispielsweise unserem heutigen Gast, Frau Beate Niemann.

1942 geboren, hatte sie ihren Vater Bruno Sattler nur bei verschiedenen Besuchen in DDR-Gefängnissen kennen gelernt, in denen er nach einer Verurteilung in einem Geheimprozess bis zu seinem Tod im Oktober 1972 eingesperrt war. Im Glauben an seine Unschuld bemühte sie sich zunächst um seine Freilassung und nach dem Tod des Vaters um dessen Rehabilitierung. Als ein entsprechender Antrag schließlich im Jahre 1999 endgültig und ablehnend beschieden wurde, hatte Beate Niemann auf Grund ihrer jahrelangen Recherchen längst die wahre Geschichte ihres Vaters erfahren.

Er war keinesfalls – wie lange geglaubt – das unschuldige Opfer, sondern ein Täter, der zunächst für die Verfolgung von Sozialdemokraten und Kommunisten, später für Massenmorde, so von 1942 bis 1944 in Belgrad, verantwortlich war.

 

Dort befehligte er auch den Einsatz eines Gaswagens,, mit dem im Frühsommer 1942 etwa 8500 jüdische Frauen und Kinder umgebracht wurden.

All dies und viele weitere Fakten aus dem Leben von Bruno Sattler wurden der Tochter auch von ihrer Mutter verschwiegen, die sich andererseits als hilfsbereite, ja heldenhafte Frau darstellte. So hatte sie ihrer Tochter erzählt, dass deren Geburtshaus 1942 einer jüdischen Familie Leon abgekauft worden und die schwangere Frau Leon über die Schweizer Grenze in Sicherheit gebracht worden sei. Entgegen dieser Darstellung wurde Frau Leon in Wirklichkeit nach Theresienstadt deportiert und dann in Auschwitz umgebracht.

 

Sehr geehrte Frau Niemann,

in geradezu schrecklicher Weise sind Sie über viele Jahre hinweg von ihren Eltern über deren Tätigkeit und Verantwortung während der Naziherrschaft falsch informiert und getäuscht worden. Es muss eine schlimme Erfahrung für Sie gewesen sein, das lange Jahre vor Augen gehabte Bild einer ehrenhaften und hilfsbereiten Mutter sowie eines unschuldigen Vaters abrupt korrigieren zu müssen.

Und man mag sich nicht ausmalen, in wie vielen Familien nach Kriegsende durch Schweigen, ja Verschweigen unentdeckt geblieben ist, in welcher Weise Familienmitglieder, vor allem Väter, aber auch Mütter zu Mitwissern oder gar Tätern geworden waren.

Und so ist das Erinnern auch weiterhin wichtig:

Aus Respekt gegenüber den Opfern.

Als Mahnung für die Zukunft.

Auch insofern, als die Vorboten des Holocaust lange vor der Reichspogromnacht für jedermann sichtbar waren: durch Aufrufe zum Boykott jüdischer Geschäfte, durch Ausschluss von Berufen oder öffentlichen Aufträgen, durch soziale und wirtschaftliche Diskriminierung und durch die sog. „Rassegesetze“.

Seien wir also wachsam und erkennen wir rechtzeitig alle Entwicklungen, die unseren freiheitlichen Rechtsstaat gefährden oder gar zerstören können. Entwicklungen, die Menschen wegen ihrer Rasse oder Religion ausgrenzen wollen, Entwicklungen, die Presse- und Meinungsfreiheit oder andere Grundrechte einschränken wollen.

 

Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang nochmals Roman Herzog zitieren: 

Ohne gründliches Wissen um seine Geschichte kann auf die Dauer kein Volk bestehen.

.Wenn ein Volk aber versucht, in und mit seiner Geschichte zu leben, dann ist es gut beraten, in und mit seiner ganzen Geschichte zu leben und nicht nur mit ihren guten und erfreulichen Teilen.“

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und übergebe das Wort nun an Frau Beate Niemann.